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Galle, Blinddarm & Co.: Welche Organe können wir entbehren?

Viele Organe erscheinen uns unverzichtbar. Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Unser Körper ist erstaunlich flexibel. Manche Strukturen sind zwar wichtig für Gesundheit und Wohlbefinden, aber nicht zwingend notwendig für das Überleben. Muss man die Gallenblase entfernen, die Mandeln herausnehmen oder den Blinddarm entfernen, findet der Organismus oft Wege, die fehlende Funktion zu kompensieren.

Gallenblase entfernen – leben ohne Gallenblase?

Die Gallenblase ist ein kleines birnenförmiges Organ, das direkt unter der Leber liegt. Sie speichert die in der Leber gebildete Gallenflüssigkeit und gibt sie in konzentrierter Form an den Dünndarm weiter, sobald wir fettreiche Nahrung zu uns nehmen. Auf diese Weise trägt sie wesentlich dazu bei, Fette aufzuspalten und für den Körper verwertbar zu machen. Am häufigsten wird die Gallenblase wegen Gallensteinen entfernt, die schmerzhafte Koliken verursachen, zu Entzündungen führen oder die Gallenwege blockieren können. Seltener sind Polypen oder Tumore der Grund für den Eingriff.

„Die Gallenblase ist ein wichtiges Organ für die Fettverdauung – aber nicht lebensnotwendig. Wird sie entfernt, passt sich der Körper meist schnell an. Die meisten Betroffenen können unmittelbar nach einer Gallenblasenentfernung wieder ganz normal essen“, erklärt Dr. Viktor Rempel, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie am St. Anna Hospital Herne.

 

„Die Gallenblase ist ein wichtiges Organ für die Fettverdauung – aber nicht lebensnotwendig. Wird sie entfernt, passt sich der Körper meist schnell an. Die meisten Betroffenen können unmittelbar nach einer Gallenblasenentfernung wieder ganz normal essen.“

  Dr. Viktor RempelChefarzt der Klinik für Gastroenterologie am St. Anna Hospital Herne
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Nach der Operation fließt die Gallenflüssigkeit kontinuierlich direkt aus der Leber, statt aus der Gallenblase gesammelt in den Darm. Ein Leben ohne Gallenblaseist dadurch gut möglich. Manche Menschen berichten in den ersten Monaten nach der Operation von Beschwerden nach üppigen Mahlzeiten. Mit kleineren Portionen lassen sich diese Probleme jedoch in den meisten Fällen vermeiden. Die Verdauung normalisiert sich bei den meisten Betroffenen nach einiger Zeit, sodass sie wieder nahezu alles essen können. Auch körperliche Aktivitäten sind ohne Einschränkungen möglich.

Blinddarm entfernen – kann man ohne Blinddarm leben?

Der Blinddarm, bzw. Blinddarmfortsatz, medizinisch korrekt Appendix genannt, ist ein kleines Anhängsel am Übergang vom Dünn- zum Dickdarm. Lange Zeit galt er als überflüssig, inzwischen geht man davon aus, dass er in der frühen Kindheit eine Rolle für das Immunsystem spielt und als Reservoir für nützliche Darmbakterien dient. Dennoch kann er bei einer Entzündung schnell zum Risiko werden.

„Die Entfernung des Blinddarms gehört zu den häufigsten Notfalleingriffen überhaupt. Bleibt eine akute Blinddarmentzündung unbehandelt, kann der Blinddarm sogar durchbrechen und eine lebensgefährliche Bauchfellentzündung hervorrufen“, sagt Prof. Dr. Metin Senkal, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie im Marien Hospital Witten.

In solchen Fällen muss man den Blinddarm entfernen – ein Eingriff, der seit Jahrzehnten zur Routine in der minimal-invasiven Chirurgie gehört. Viele Menschen fragen sich danach: Kann man ohne Blinddarm leben? Die Antwort ist eindeutig: ja. Die Verdauung funktioniert weiterhin normal, und langfristige Einschränkungen gibt es so gut wie keine.

 

„Die Entfernung des Blinddarms gehört zu den häufigsten Notfalleingriffen überhaupt. Bleibt eine akute Blinddarmentzündung unbehandelt, kann der Blinddarm sogar durchbrechen und eine lebensgefährliche Bauchfellentzündung hervorrufen.“

  Prof. Dr. Metin SenkalChefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie im Marien Hospital Witten

Milz entfernen – nicht so wichtig oder unverzichtbar?

Die Milz ist ein blutreiches Organ im linken Oberbauch, das gleich mehrere Aufgaben erfüllt. Sie filtert alte Blutzellen aus dem Kreislauf, speichert Blutplättchen und Abwehrzellen und unterstützt das Immunsystem bei der Bekämpfung von Krankheitserregern. Entfernt werden muss die Milz vor allem nach schweren Verletzungen, etwa durch Unfälle, oder bei bestimmten Bluterkrankungen. Auch Tumoren können einen Eingriff erforderlich machen. Musste man die Milz entfernen, fehlt dem Körper ein wichtiger Teil seiner Abwehr. Das Risiko für bestimmte Infektionen ist daher erhöht. Durch gezielte Impfungen und regelmäßige ärztliche Kontrollen lässt sich dieses Risiko jedoch deutlich reduzieren, sodass man auch ohne Milz gesund leben kann.

Leben mit einer Niere – geht das?

Die Nieren reinigen das Blut, regulieren den Wasser- und Salzhaushalt und haben eine wichtige Funktion im Stoffwechsel. Obwohl wir zwei Nieren besitzen, reicht es völlig aus, wenn nur eine gesund arbeitet. Viele Menschen leben mit einer Niere nach einer Spende dauerhaft beschwerdefrei und sind voll leistungsfähig. Wichtig ist allerdings, die verbliebene Niere zu schützen. Dazu gehört es, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen, den Blutdruck regelmäßig kontrollieren zu lassen und vorsichtig mit Medikamenten umzugehen, die die Niere belasten können. Ärztliche Kontrollen sind sinnvoll, um die Nierenfunktion langfristig im Blick zu behalten.

 

„Mit nur einer Niere zu leben bedeutet nicht automatisch, dass man eingeschränkt ist. In den meisten Fällen übernimmt die verbleibende Niere einen großen Teil der Filterleistung. Wenn es zu einer Einschränkung der Nierenfunktion kommt, wird diese oft erst spürbar, wenn weniger als 30 Prozent der Funktion erhalten sind.“

  Dr. Panagiota ZgouraChefärztin der Klinik für Innere Medizin im St. Anna Hospital Herne

So bleibt die Funktion erhalten

„Mit nur einer Niere zu leben bedeutet nicht automatisch, dass man eingeschränkt ist. In den meisten Fällen übernimmt die verbleibende Niere einen großen Teil der Filterleistung. Wenn es zu einer Einschränkung der Nierenfunktion kommt, wird diese oft erst spürbar, wenn weniger als 30 Prozent der Funktion erhalten sind. Im Nachgang betrachtet, sagen viele Patienten mit dem Wissen um ihre Niereninsuffizienz, dass sie es doch vorher bemerkt haben, die oftmals sehr unspezifischen Symptome jedoch nicht richtig zuordnen konnten. Jedenfalls ist es medizinisch wichtig, frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen, um einen weiteren Funktionsverlust zu bremsen, denn bei einer Leistung von unter 30 Prozent ist es oftmals zu spät, um den weiteren Prozess aufzuhalten. Viele Menschen, die eine Niere verlieren, haben jedoch 80 Prozent oder sogar mehr Funktionsleistung, mit der sie gut leben können. Jeder Fall ist unterschiedlich. Allen gemein ist aber, dass es besonders wichtig ist, auf die verbliebene Niere zu achten, zum Beispiel durch regelmäßige Kontrolle des Blutdrucks, das Vermeiden von schädlichen Medikamenten, das Senken von Blutfetten und die richtige Behandlung von Diabetes“, erklärt Dr. Panagiota Zgoura, Chefärztin der Klinik für Innere Medizin im St. Anna Hospital Herne.

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Leben mit nur einem Lungenflügel – und trotzdem ein aktives Leben?

Auch die Lungenflügel sind doppelt vorhanden. Muss ein Lungenflügel beispielsweise wegen einer Krebserkrankung, einer schweren Infektion oder nach einem Unfall entfernt werden, übernimmt der andere einen großen Teil der Funktion. Die Sauerstoffversorgung des Körpers bleibt damit gesichert. Betroffene bemerken die Einschränkung vor allem bei körperlicher Anstrengung, weil die Belastbarkeit abnimmt.

„Viele Menschen sind aber überrascht, wie leistungsfähig sie auch mit nur einem Lungenflügel bleiben können. Mit Atemtraining und einer guten medizinischen Betreuung können sie oft wieder aktiv am Leben teilnehmen“, erklärt Dr. Nurettin Albayrak, Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie im St. Anna Hospital Herne.

Alltag nach einer Organentfernung

„Der menschliche Körper ist erstaunlich anpassungsfähig. Auch wenn ein Organ fehlt, findet er oft Wege, die Funktionen auszugleichen. Entscheidend ist, dass Patienten in dieser Zeit ärztlich gut begleitet werden und bereit sind, kleinere Veränderungen in ihrem Alltag vorzunehmen – sei es bei der Ernährung, der körperlichen Aktivität oder in der Nachsorge“, fasst Dr. Nurettin Albayrak zusammen.

 

„Der menschliche Körper ist erstaunlich anpassungsfähig. Auch wenn ein Organ fehlt, findet er oft Wege, die Funktionen auszugleichen.“

  Dr. Nurettin AlbayrakChefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie im St. Anna Hospital Herne

Konkret bedeutet das:

  • Nach einer Gallenblasenentfernung: Eine bewusste Ernährung hilft, sich an die neue Situation zu gewöhnen.
  • Nach einer Blinddarmoperation: In den ersten Tagen ist ein langsamer Kostaufbau wichtig, bis sich die Verdauung erholt hat.
  • Nach einer Mandeloperation: Schonung und weiche Nahrung erhöhen die Chance auf eine komplikationslose Ausheilung der Wunden.
  • Nach einer Milzentfernung: Um Infektionen vorzubeugen, sollten Betroffene die Impfempfehlungen des Robert Koch-Instituts befolgen und engmaschige ärztliche Kontrollen wahrnehmen.
  • Nach einer Nieren- oder Lungenoperation: Eine medizinisch begleitete Rehabilitation unterstützt dabei, die Leistungsfähigkeit bestmöglich wiederzuerlangen.

Ihre Ansprechpartner

doc

Dr. Nurettin Albayrak

Chefarzt
Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
St. Anna Hospital Herne
Fon 0 23 25 986 - 20 51
chirurgie@annahospital.de

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Dr. Viktor Rempel

Chefarzt
Klinik für Gastroenterologie
St. Anna Hospital Herne
Fon 0 23 25 986 - 21 21
gastroenterologie@annahospital.de

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Prof. Dr. Metin Senkal

Chefarzt
Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
Fon 0 23 02 173 - 12 03
chirurgie@marien-hospital-witten.de

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Dr. Panagiota Zgoura

Chefärztin
Klinik für Innere Medizin
St. Anna Hospital Herne
Fon 0 23 25 986 - 21 01
medklinik1@annahospital.de