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Abnehmende Nierenleistung Muss ich zur Dialyse?

Sie kommt meist schleichend und bleibt lange unerkannt, erste Anzeichen wie Bluthochdruck oder Wassereinlagerungen sind unspezifisch und erschweren eine schnelle Diagnose: Die chronische Niereninsuffizienz ist zu einer wahren Volkskrankheit geworden. Die Angst der Betroffenen vor einer möglichen Dialysebehandlung ist groß. Doch wann wird eine Dialyse überhaupt notwendig?

Häufigste Ursachen: Diabetes mellitus Typ2 und Bluthochdruck

Zwei wahre Zivilisationskrankheiten, die schon seit längerem in Deutschland aber auch weltweit auf dem Vormarsch sind, sind Diabetes mellitus Typ2 und Bluthochdruck. Beide häufig auftretenden Erkrankungen vereint, dass sie die Funktion der Nieren beeinträchtigen und so zu einer chronischen Nierenschwäche (Niereninsuffizienz) führen können. Dabei verlieren meist beide Nieren über Monate oder Jahre langsam ihre Funktion. Der Verlust von funktionsfähigem Nierengewebe lässt sich in der Regel nicht rückgängig machen. Erst wenn die Nierenfunktion auf weniger als 50 Prozent gesunken ist, wir eine Niereninsuffizienz im Blut durch einen gestiegenen Kreatininwert erkennbar.

 

„Kann die Niere ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen, hat das fatale Folgen für den Körper“, - Prof. Dr. Timm Westhoff, Direktor der Medizinischen Klinik I des Marien Hospital Herne – Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum

 

Kleines Organ mit lebenswichtiger Aufgabe

Das bohnenförmige Organ reguliert die Wasserausscheidung und Blutreinigung. Es scheidet die giftigen Stoffwechselprodukte, die sogenannten harnpflichtigen Substanzen, die im Körper täglich produziert werden, über den Urin aus. „Kann die Niere ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen, hat das fatale Folgen für den Körper“, erläutert Prof. Dr. Timm Westhoff, Direktor der Medizinischen Klinik I des Marien Hospital Herne – Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum.

„Die Stoffwechselprodukte sammeln sich im Blut und verursachen eine Harnvergiftung. Da die Nieren die mit der Nahrung aufgenommene Flüssigkeit nicht mehr vollständig ausscheiden können, kommt es außerdem zu Wassereinlagerungen im Gewebe“, so der Experte weiter. Von einer chronischen Niereninsuffizienz sind außerdem der Blutdruck sowie der Hormon- und Vitaminhaushalt betroffen, da die Niere unter anderem wichtige Hormone produziert und bei der Steuerung des Blutdrucks und der Regulierung des Knochenstoffwechsels mitwirkt. „Eine unbehandelte Niereninsuffizienz kann daher zu Nierenversagen und schließlich zum Tode führen“, erklärt Westhoff.

Behandlung der Niereninsuffizienz

Da die Insuffizienz meist durch eine andere Krankheit bedingt ist, gilt es, die ursächliche Krankheit so gut wie möglich zu behandeln und zum Beispiel den Blutdruck oder den Diabetes richtig einzustellen.

 

„Eine Dialyse ist erst dann notwendig, wenn über 90 Prozent der Nierenfunktion erloschen ist" - Prof. Dr. Timm Westhoff, Direktor der Medizinischen Klinik I des Marien Hospital Herne – Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum

 

Zwar lässt sich einmal zerstörtes Nierengewebe nicht mehr wiederherstellen, doch das Voranschreiten kann so verzögert werden. Maßnahmen wie reichliche Flüssigkeitszufuhr, Gabe von harntreibenden Medikamenten im Falle von Wassereinlagerungen, regelmäßige Kontrolle der Blutsalze sowie des Körpergewichts und eine angepasste Ernährung sollten von den Betroffenen berücksichtigt werden. „Eine Dialyse ist erst dann notwendig, wenn über 90 Prozent der Nierenfunktion erloschen ist. Dann stehen für die regelmäßige Reinigung des Blutes zwei Dialyseverfahren zur Verfügung“, erklärt der Klinikdirektor.

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Blutreinigung außerhalb und innerhalb des Körpers

Die Dialyse meint die regelmäßige Reinigung des Blutes von nierenkranken Patienten. Dabei kommen zwei unterschiedliche Verfahren in Betracht: Die Hämodialyse und die Peritoneal- bzw. Bauchfelldialyse. Bei der Hämodialyse wird das Blut außerhalb des Körpers durch eine Dialysemaschine von harnpflichtigen Substanzen gereinigt und dann zurück in den Körper geleitet.

In der Regel sind drei-, vier- bis fünfstündige Behandlungen pro Woche in einem Dialysezentrum notwendig. Über die Dialysemaschine kann dem Körper auch Flüssigkeit entzogen werden, wenn die Urinproduktion weitgehend versiegt ist. Als Dialysezugang wird meist ein sogenannter Shunt genutzt, ein operativ angelegter Kurzschluss zwischen einer Arterie und einer Vene. Die Dialysebehandlung ist, bis auf die einer Blutabnahme vergleichbare Punktion des Shunts, nicht schmerzhaft. Es kann dabei gelesen, ferngeschaut oder gegessen werden.

Alternativ kann die Peritonealdialyse  durchgeführt werden. Das Blut wird bei diesem Verfahren nicht außerhalb des Körpers gereinigt, sondern im Körperinneren über das Bauchfell (Peritoneum). Das Bauchfell ist eine dünne Haut, die die Bauchhöhle von innen auskleidet. Sie ist von vielen kleinen Kapillaren durchzogen und kann als Filter für verschiedene Substanzen im Blut genutzt werden. „Will man das Blut auf diese Art von Giftstoffen befreien, muss man Flüssigkeit in die Bauchhöhle einbringen.

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Zu diesem Zweck wird ein dünner Katheter durch die Bauchdecke eingeführt“, erläutert Westhoff. „Füllt man nun die Bauchhöhle mit einer salz- und zuckerhaltigen Dialyselösung auf, so bewegen sich die harnpflichtigen Substanzen aus dem Blut in diese „saubere“ Lösung, bis sich die Konzentrationen von Blut und Dialysat nach einigen Stunden angeglichen haben“, so der Klinikdirektor weiter. Die Flüssigkeit wird dann wieder aus der Bauchhöhle abgelassen.

Vorteile der Peritonealdialyse

In der Regel wird dieser Vorgang viermal täglich durchgeführt, meist sogar in den eigenen vier Wänden. Man kann auch mit „vollem Bauch“ seinem normalen täglichen Leben nachgehen. „Die Bauchfelldialyse verschafft gegenüber der Hämodialyse ein höheres Maß an Flexibilität und Ungebundenheit, da die dreimal wöchentlichen Besuche im Dialysezentrum entfallen. Die Peritonealdialyse geht jedoch mit einem höheren Maß an Eigenverantwortung einher“, sagt Westhoff. Während bei der Hämodialyse das Personal im Zentrum die Dialyse durchführt, liegt die Peritonealdialyse in den Händen des Patienten selbst. Aus medizinischer Sicht sind beide Verfahren einander weitgehend ebenbürtig. Die Restausscheidung bleibt bei der Peritonealdialyse häufig etwas länger erhalten, was durch die höhere mögliche Trinkmenge Vorteile für die Lebensqualität mit sich bringt.

Kann man einer chronischen Niereninsuffizienz vorbeugen?

Da die häufigsten Ursachen von chronischer Niereninsuffizienz Diabetes mellitus Typ 2 und Bluthochdruck sind, ist eine gute Einstellung der Blutzucker- und Blutdruckwerte die beste Vorbeugung.

Auch viele Medikamente können eine chronische Niereninsuffizienz verursachen. Daher sollte jede Medikamenteneinnahme, auch wenn es sich um freiverkäufliche Arzneimittel handelt, mit dem Hausarzt besprochen werden. Wenn bereits eine Nierenschwäche vorliegt, muss die Dosis von Medikamenten regelmäßig angepasst werden. Generell sollte die Einnahme von Arzneimitteln bei chronischer Niereninsuffizienz eng mit dem behandelnden  Arzt abgestimmt werden.

Die richtige Ernährung bei chronischer Niereninsuffizienz

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  • Eiweißarm
    Eine verringerte Aufnahme von Eiweiß scheint das Fortschreiten der Nierenschwäche verlangsamen zu können. Daher sollten täglich nicht mehr als 0,6 - 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilogramm Körpergewicht aufgenommen werden. Bei einer Person mit 60 Kilogramm Körpergewicht entspricht das zum Beispiel einem Becher fettarmen Joghurt (250 Gramm) zum Frühstück und einem 200-Gramm-Lachsfilet zum Mittag- oder Abendessen.

  • Phosphatarm
    Durch eine phosphatarme Ernährung kann im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung der gestörte Knochenstoffwechsel günstig beeinflusst werden. Phosphat ist zum Beispiel in Milchprodukten, Wurst, Eigelb, Nüssen und Haferflocken enthalten. Während flüssige Milchprodukte relativ viel Phosphat enthalten, kann man auf Käse wie Quark, Frischkäse, Camembert oder Mozzarella umsteigen. Phosphatzusätze stecken außerdem in vielen Fertigprodukten und sind an den Nummern E 338, E 339, E 340, E 341, E 450 a, E 450 b, E 450 c, E 540, E 543 sowie E 544 erkennbar.

  • Kaliumarm
    Besonders im fortgeschrittenen Stadium sollten Betroffene auf eine kaliumarme Ernährung achten, um den durch die Nierenschwäche erhöhten Kaliumspiegel im Blut nicht noch weiter zu erhöhen. Zu viel Kalium kann Herzrhythmusstörungen auslösen. Von der Schwere der Erkrankung hängt die empfohlene Tagesmenge an Kalium ab, daher ist eine Rücksprache mit dem Arzt oder Diätassistenten so wichtig. Kaliumhaltige Lebensmittel sind beispielsweise Obst- und Gemüsesäfte, Trockenobst (Rosinen, Datteln, Feigen), Nüsse, Bananen, Aprikosen, Avocado und Hülsenfrüchte.

Ihr Experte

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Prof. Dr. Timm Westhoff

Direktor, Medizinische Klinik I - Allgemeine Innere, Nephrologie, Gastroenterologie, Pneumologie
Leiter, Universitäre Nephrologische Schwerpunktklinik
Leiter, Hochschulambulanz für Nieren- und Hochdruckkrankheiten
Marien Hospital Herne – Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum
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