Symbolbild Gehirnjogging

Gehirnjogging oder "echter" Sport? Wie man den Geist richtig fordert

Das Thema Gehirnjogging ist in aller Munde – das Angebot reicht von Kreuzworträtseln und Sudoku über spezielle Apps und Websites bis hin zu Videospielen. Die Wirksamkeit solcher Programme für das Gehirn ist jedoch umstritten. Unser Experte erklärt, welche Art von Übungen geeignet ist, um die grauen Zellen nachhaltig ins Schwitzen zu bringen.

Das Gehirn braucht stetig neue Herausforderungen

Kreuzworträtsel und Sudoku sind beliebte Freizeitbeschäftigungen, die darüber hinaus auch noch das Gehirn fordern und fördern sollen. Gerade im Alter schwören viele auf den Effekt solcher Geistesübungen – und können die Kästchen teilweise blitzschnell ausfüllen. Doch genau hier liegt das Problem solcher häufig wiederholter Übungen, wie Prof. Dr. Rainer Wirth, Direktor der Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation des Marien Hospital Herne – Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum erklärt: „Durch die häufige Wiederholung einer bestimmten Aktivität läuft diese irgendwann automatisiert ab, die wichtigen aktiven Kontrollfunktionen des Gehirns werden nicht mehr genutzt. Eine Verbesserung in dieser bestimmten Aufgabe ist dann weiterhin möglich, ein Transfereffekt auf die allgemeinen Fähigkeiten des Gehirns bleibt aber aus.“ Wer also im Rahmen des Gehirnjoggings häufig Sudokus löst, wird nur besser im Lösen von Sudokus, nicht aber darin, sich an den Einkaufszettel oder den Geburtstag des Nachbarn zu erinnern. Positive Effekte für das Gedächtnis und die Leistungsfähigkeit bringen demnach nur Übungen, die das Hirn vielseitig und vor allem permanent herausfordern. Ob das Gehirn bei einer Übung wirklich herausgefordert wurde, ist wie bei sportlichen Aktivitäten an einer gewissen Ermüdung zu erkennen.

 

"Der alte Spruch "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" ist nicht richtig."

  Prof. Dr. Rainer WirthDirektor der Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation des Marien Hospital Herne

Je mehr Abwechslung, desto besser

Anders als häufig angenommen, bleibt das Gehirn auch noch bis ins höhere Alter hinein wandlungsfähig. So können auch ältere Menschen noch komplexe Denkleistungen, wie das Erlernen einer Sprache oder das Spielen eines Musikinstrumentes, vollbringen. Das Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ist also nicht ganz korrekt.

Für ein effektives Gehirntraining ist es daher wichtig, sich jeden Tag neuen (geistigen) Herausforderungen zu stellen. Dabei geht es vor allem darum, nicht immer dasselbe zu machen, sondern den Alltag möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Zudem sollten die Übungen einen tieferen Sinn haben und im Alltag anwendbar sein, um dem Gedächtnis zu nützen. „Eine Telefonnummer auswendig zu lernen, kann eine Herausforderung sein. Für das Gehirn ist es jedoch besser, neue und komplexe Tätigkeiten durchzuführen, beispielsweise eine neue Sportart oder Jonglieren zu erlernen“, erläutert Prof. Wirth. Denn bei solchen Übungen werden neue Bereiche des Gehirns angeregt, neue Synapsen gebildet, d. h. die Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Nervenzellen im Gehirn, werden mehr und leistungsfähiger. Sportarten und künstlerische Tätigkeiten, die die Koordination herausfordern sind hier besonders effektiv.

Mit kleinen Veränderungen Großes bewirken

Je häufiger das Gehirn beschäftigt und neu herausgefordert wird, desto größer ist dieser Effekt. Eine ähnliche Wirkung, wenn auch schwächer, haben auch kleinere Veränderungen der täglichen Routine, etwa das Wechseln auf die schwächere Hand beim Zähneputzen oder das Lesen auf dem Kopf. Dabei ist es allerdings wichtig, die Veränderung regelmäßig zu variieren und Neues auszuprobieren, damit der Übungseffekt für das Gehirn nicht verschwindet.

Wichtig für den Lerneffekt ist es zudem, dass die Übungen Spaß machen und nicht nur zum bloßen Zweck ausgeführt werden. Denn wer Spaß beim Lernen hat, der lernt besonders gut – dafür sorgt unter anderem Dopamin, das sogenannte Glückshormon. Es unterstützt die Weiterleitung der Lernimpulse in die Nervenzellen und verstärkt die Kommunikation dieser Zellen untereinander.

Mit den Laufschuhen das Gehirn ins Schwitzen bringen

Im Gegensatz zum Gehirnjogging kann tatsächliches Joggen  durchaus auch einen positiven Effekt auf das Gehirn haben. Denn Bewegung ist nicht nur gut für das Herz, sondern auch für das Gehirn. Ein moderates Ausdauertraining, etwa zwei bis drei Mal pro Woche eine halbe Stunde Joggen, ist ein besseres Hirntraining als jedes Sudoku. Auch Schwimmen oder Nordic Walking haben einen ähnlichen Effekt. Dabei wird angenommen, dass die verbesserte Denkfähigkeit mit der gesteigerten Durchblutung des Gehirns und der Ausschüttung von Wachstumsfaktoren durch den Sport zusammenhängt. Zudem führt sportliche Aktivität auch zu einer Dopamin-Ausschüttung und hat somit weitere positive Konsequenzen für das Gehirn.

Regelmäßige sportliche Aktivität senkt darüber hinaus das Risiko des Gehirns, an Krankheiten wie Alzheimer zu erkranken. „Für einen leichten Effekt reicht regelmäßige Bewegung im Alltag, wie Treppensteigen oder Spaziergänge aus – es muss nicht gleich jeder Marathon laufen“, erklärt der erfahrene Geriater. Noch größer wird der Effekt, wenn körperliche und geistige Herausforderungen kombiniert werden, beispielsweise Joggen und dabei ein Gespräch zu führen.

Denn der Effekt sozialer Kontakte für das Gehirn ist nicht zu unterschätzen. „Gerade Gespräche mit anderen sind für das Hirn extrem anregend“, erklärt Wirth. Im Gespräch müssen wir zuhören und verstehen, auf das Gesagte reagieren und uns an Dinge erinnern. Dies erklärt, warum auch Schwerhörigkeit ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz sein kann. Diese sollte daher unbedingt durch ein Hörgerät bestmöglich kompensiert werden, damit solche Gespräche auch weiterhin möglich sind.

5 Dinge, die das Gehirn besser fördern als Gehirnjogging

creative
  • Beim Zähneputzen auch mal die "schwache" Hand benutzen
  • Ein anregendes Gespräch führen
  • Eine Sprache oder ein Instrument lernen
  • Spaß am Lernen haben
  • Wirklich Joggen gehen