thumbnail

Diagnose Demenz - Wenn Vergesslichkeit zum Alltag wird

Da kannte man seit Jahrzehnten die Festnetznummer des Nachbarn und plötzlich fällt sie einem nicht mehr ein. Vergesslichkeit gehört zu den Begleiterscheinungen des Alterns. „Jeder hat mal Momente, in denen uns das Gedächtnis im Stich lässt, das ist normal“, so Prof. Rainer Wirth, Direktor der Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation des Marien Hospital Herne. Menschen mit Demenz weisen jedoch neben der sich steigernden Vergesslichkeit weitere typische Merkmale auf, die auf Dauer das alltägliche Leben erschweren und die Lebensqualität einschränken.

Ursachen der Demenz

"Bei einer Demenz liegt eine zunehmende Minderung der geistigen Fähigkeiten vor. Hierzu zählen das logische Denken, das kurz- und Langzeitgedächtnis aber auch die Orientierung“, erklärt Prof. Wirth. Die Ursache der verschiedenen Demenzerkrankungen ist trotz intensiver Forschung weitgehend unklar. Bei einer Demenz verändern sich die Nervenzellen, die im Verlauf der Erkrankung ihre Funktion verlieren und letztlich absterben. Dies führt zur Veränderungen der Gehirnstruktur. Es kommt zu einem Mangel an Botenstoffen, die Kommunikation zwischen den Nervenzellen ist unterbrochen und löst eine Störung in der Gedächtnisleistung aus. „Auch die Sprache und die Kommunikation können im Verlauf der Erkrankung beeinträchtigt sein“, erläutert der Herner Geriater.

Demenz
Die Demenz ist ein Oberbegriff für krankhafte Vergesslichkeit, die ganz unterschiedliche Ursachen haben kann. Die häufigste und bekannteste Demenzform ist Alzheimer. Bei dieser Form der Demenz lagern sich in den Nervenzellen Eiweißreste ab, die eine Kommunikation zwischen den Nervenzellen verhindern. Die Gehirnzellen verlieren die Fähigkeit miteinander zu kommunizieren.

Frühe Diagnose ist wichtig

Zunächst erfolgt das Anamnesegespräch, in dem der behandelnde Arzt wichtige Informationen über die Krankengeschichte des Patienten und über vergangene körperliche Beschwerden und aktuelle Erkrankungen und Risikofaktoren erfährt. „Mitthilfe von CT-Untersuchungen des Schädels sowie Laboruntersuchungen können demenzielle Erkrankungen konkretisiert werden. Zudem wird das Geriatrische Assessment durchgeführt“, erklärt Prof. Wirth. Um zu testen, ob und wenn ja, in welchem Ausmaß das Denk- und Erinnerungsvermögen bereits beschädigt ist, werden psychometrische Tests durchgeführt. Hierbei handelt es sich um Aufgaben unterschiedlichen Schweregrades. Getestet werden die Merkfähigkeit, Aufmerksamkeit, Erinnerungsvermögen, Sprache, Rechenfähigkeit sowie die Orientierung. Mithilfe verschiedener Bewertungskriterien ermittelt Prof. Wirth und sein Team, ob eine Demenz vorliegt und welche Therapieoptionen für den Patienten bestehen.

Risikofaktoren
Von der Demenz betroffen sind hauptsächlich Menschen über 65 Jahren. In der Regel erkranken häufiger Frauen als Männer, da Frauen im Durchschnitt eine höhere Lebenserwartung haben als Männer. Neben dem hohen Lebensalter gibt es noch weitere Risikofaktoren, die eine Demenz begünstigen können. Dazu gehören Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, Diabetes, Übergewicht, Stoffwechselstörungen und Bluthochdruck. Auch chronischer Konsum von Alkohol, Rauchen, ein niedriger Bildungsgrad und Bewegungsmangel erhöhen das Risiko eine Demenz zu entwickeln.

Drei Stadien der Demenz

Eine Symptomatik einer demenziellen Erkrankung hängt von vielen Faktoren ab und verläuft bei jedem Demenzpatienten anders. Der Zeitpunkt der Diagnose, die Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen sowie die körperliche Verfassung und die Art der Demenzerkrankung spielen hier eine zentrale Rolle. Das Ausmaß der kognitiven Beeinträchtigungen nimmt im Verlauf der Erkrankung in der Regel zu. Auch die Symptome verändern sich in ihrer Ausprägung und Intensität. Die Demenz wird in der Regel in drei Phasen unterteilt: Die leichtgradige Demenz, die mittelschwere Demenz und die schwere Demenz.

Leichtgradige Demenz – Stadium 1

In der ersten Phase stehen Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und der Orientierung im Vordergrund. Die Patienten leiden unter zunehmender Vergesslichkeit. Sie vergessen Namen, Termine und finden abgelegte Gegenstände nicht wieder. „Viele bemerken, dass etwas nicht stimmt und benötigen zunehmend Unterstützung von Angehörigen. In dieser Lebenssituation können auch vermehrt Stimmungsschwankungen und Depressionen auftreten“, erklärt Prof. Wirth.

Demenz und Depression
Demenz und Depressionen gehören im Alter zu den häufigsten Erkrankungen. Oft treten sie zusammen auf und beeinflussen sich gegenseitig. Chronische Depressionen erhöhen die Wahrscheinlichkeit im Alter an einer Demenz zu erkranken. Umgekehrt leiden Demenzpatienten häufig an depressiver Stimmung. Die kognitive und soziale Kompetenz sowie die geistigen Fähigkeiten nehmen zunehmend ab. Die Kombination der beiden Erkrankungen schränkt die Lebensqualität der Betroffenen und der Angehörigen stark ein.

Mittelschwere Demenz – Stadium 2

In der zweiten Phase treten die Symptome verstärkt auf. Auch das Langzeitgedächtnis leidet nun und die Alltagsbewältigung fällt den Betroffenen immer schwerer. So kann das Anziehen, Waschen, Essen oder Einkaufen in dieser Phase zum Problem werden. Neben der Orientierungsstörung wird häufig auch die Sprache in Mitleidenschaft gezogen. Sie leiden oft unter Wortfindungsstörungen, Personen oder Gegenstände können nicht richtig erkannt und benannt werden und die Ausdrucksfähigkeit nimmt ab. „In diesem Stadium treten häufig starke Verhaltens- und Persönlichkeitsänderungen auf, viele leiden unter innerer Unruhe, Nervosität oder Gereiztheit. Der Tag-Nachtrhythmus geht oft verloren, die Betroffen ziehen sich häufig sozial zurück und pflegen kaum Kontakte zur Außenwelt“, erläutert Prof. Wirth.

Schwere Demenz – Stadium 3

In dieser Phase sind Betroffene völlig pflegebedürftig. Eine sprachliche Kommunikation ist  nur eingeschränkt möglich. Sie können die Signale des Körpers nicht mehr deuten, Darm und Blase lassen sich oft nicht sicher kontrollieren. Schmerzen können teilweise nicht als solche geäußert werden und führen dann zu Unruhe. Sie leiden unter Ernährungsstörungen, Schluckstörungen, die Mobilität nimmt ab und im Spätstadium kommt es häufig zu Versteifungen von Muskeln und Gliedmaßen.

Mehrfacherkrankungen
Das gleichzeitige Bestehen mehrerer Krankheiten bezeichnet man als Mulitmorbidität (Mehrfacherkrankungen). Viele Betroffene leiden neben der Demenz noch an weiteren Erkrankungen wie beispielsweise Bluthochdruck, Herzschwäche, Diabetes, Gelenkentzündung, Schluckbeschwerden oder Inkontinenz. Dies erfordert einen ganzheitlichen Behandlungsansatz.

Behandlungsmöglichkeiten

Eine Demenz ist nicht heilbar, allerdings kann der Verlauf der Erkrankung – insbesondere im frühen und mittleren Stadium – mithilfe medikamentöser und nicht-medikamentöser  Therapien hinausgezögert und die Symptome gelindert werden. Die Lebensqualität und das Wohlbefinden der Betroffenen bleiben so für eine gewisse Zeit erhalten. Die medikamentöse Therapie muss immer individuell auf den Patienten abgestimmt und je nach Krankheitsentwicklung angepasst werden.

Nicht-medikamentöse Behandlungformen

Neben der medikamentösen Therapie spielt auch die nicht-medikamentöse Behandlungsform eine wichtige Rolle. „Welche Behandlungsform zum Einsatz kommt, hängt stark von der Demenzform, dem Stadium und den Symptomen ab“, erklärt Wirth. So unterstützt die Logopädie Demenzpatienten mit Wortfindungsstörungen und fördert die kommunikativen Fähigkeiten. Die Physiotherapie wirkt körperlichen Beschwerden entgegen und stellt die Mobilität in den Fokus. Zum Erhalt und Training von motorischen Alltagskompetenzen wie beispielsweise Essen, Ankleiden oder Treppensteigen stehen den Patienten Ergotherapeuten zur Seite. Eine bedeutende Rolle in der Behandlung von Demenzpatienten nehmen die Angehörigen ein: Der Kontakt zu den Angehörigen der älteren Patienten ist für das Team der Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation ein wichtiger Bestandteil der Arbeit. „Die pflegenden Angehörigen sind mitunter die wichtigsten Therapeuten der erkrankten Person. Gleichzeitig stellt die Betreuung von Demenzkranken für die Angehörigen eine große Herausforderung dar, die oft nur mit entsprechender Hilfe zu meistern ist“ betont Prof. Wirth.

Ihr Experte

doc

Prof. Dr. Rainer Wirth
Direktor
Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation
Marien Hospital Herne – Universitätsklinikum der
Ruhr-Universität Bochum
Fon 0 23 23 - 499 - 24 01
altersmedizin@marienhospital-herne.de